F Ü R   M U S I K L I E B H A B E R

 

Mercury Recordings from Chicago - mit Rafael Kubelik und Antal Dorati

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1. Mercury "Living Presence":  Gedanken zu Klang, Raum und Remastering

 

Die 11 Schallplattenproduktionen, die das 1945 gegründete Label Mercury in Chicago zwischen 1950 und 1954 aufgenommen hat, sind berühmt, legendär und sie genießen Kultstatus. Bei Amazon (de, com und co.uk) sind einige Rezensionen zu den offiziellen CD-Veröffentlichungen durch Universal zu lesen. Die größte Bewunderung einiger Besprechungen steht da neben krasser Ablehnung in ein paar anderen Beträgen.

 

Manche enttäuschte Rezensionen beruhen auf falschen Erwartungen bzw fehlenden Ohren für das Besondere der Aufnahmen (dazu unten mehr), andere beklagen das tatsächlich nicht optimal gelungene Remastering, welches noch eigenhändig von der damaligen Executive Producerin Wilma Cozart durchgeführt wurde. Es ist aber durchaus möglich, dass das klanglich etwas enttäuschende Ergebnis nicht am Remastering selbst liegt, sondern am weiteren Verarbeitungs-Prozess bis zur fertigen CD.

 

Es gab zudem vor gute 10 Jahren CD-VÖs von Bartok/Bloch, Brahms und Tschaikowsky in Japan, welche dort bei Amazon gebraucht zu astronomischen dreistelligen Preisen angeboten werden. Übrigens kenne ich die Transfers nicht, aber es wird immer wieder berichtet, dass diese sehr enttäuschend seien.

 

Annäherung an das Original

 

Wer die Mercury Einspielungen aus Chicago kennenlernen möchte, greift heute am besten immer noch auf die LP Ausgaben zurück. Eine Hälfte der Produktionen (Bloch, Brahms, 3x Tschaikowsky, Mozart 34te und Schubert) sind von Universal (Besitzer von Mercury) sowieso noch nicht auf CD veröffentlicht, die andere Hälfte (Bartok, Dvorak, Mozart 38te, Mussorgsky, Smetana, Dvorak, Kodaly und Bartok) weist - wie schon erwähnt - leichte bis deutliche Mängel in der klanglichen Umsetzung auf.  

 

Wer lediglich über einen CD-Spieler verfügt, dem bleiben für die auf CD unveröffentlichten Aufnahmen nur die privaten CD-Transfers (in mäßiger bis akzeptabler Qualität), welche alle sehr verschieden klingen und zum Teil erheblich von dem originalen Klang der LPs bzw. Bänder abweichen. Um die Anforderungen an das Remastering bei speziell diesen besonderen Maufnahmen aus der späten Mono-Zeit zu verstehen, hier nun ein paar Worte zu den Aufnahmen selbst.

 

Konzept und Klang der "Living Presence" Aufnahmen

 

Revolutionär an der monauralen Aufnahmetechnik von Mercury war das Konzept, mit lediglich einem einzigen(!) Neumann Mikrophon (in 7,6 Meter Höhe über dem Dirigenten aufgehängt) das gesamte Orchester aufzunehmen.

Das Chicago Sympony Orchestra in der brandneuen Orchestra Hall (1904)

Diese Tatsache wird oft erwähnt, jedoch über die daraus resultierenden Auswirkungen ist weniger zu lesen. 

 

Ein einziges Mono-Mikrophon bedeutet:

 

Die Orchesterbalance kann während der Aufnahme nicht verändert werden - sowohl in der gesamten Dynamik (welche bei Mehr-Mikrophon-Aufnahmen durch geschickte Abmischung ohne Kompression angeglichen werden kann) als auch bezüglich der Binnen-Dynamik:  Wenn z.B. in der Moldau bei den Stromschnellen die Piccoloflöte in der Dynamik über das gesamte Orchester hinweg zu hören ist, dann ist das nur die Leistung des Piccolo-Spielers und nicht das Ergebnis eines vom Tonmeister bewegten Volume-Reglers ... :-) Abgesehen von Equalizing, Kompression oder nachträglichen künstlichen "Hinzufügungen" (z.B. Ambient Sound) sind keine Nachbearbeitungen möglich.

Schematischer Querschnitt der Orchestra Hall

Orchestra Hall

 

Die 1904 eingeweihte Orchestra Hall in Chicago wurde vom Gründer des CSO Theodore Thomas beim Architekten Daniel Burnham in Auftrag gegeben. Die Fotos des Innenraums, der Bühne oder des graphischen Querschnitts zeigen eine mutige Konstruktion:

Ein fließender Übergang von der Bühne in den Konzertraum, abgerundet wirkende Formen, Sichtfreiheit durch die kühn und elegant geschwungenen aufsteigenden Ränge.

die vollständige Bühne - aus der Sicht vom 1. Rang

Die Bühne

 

Das Entscheidende für den Klang im Konzertsaal und auf den Aufnahmen ist jedoch die Form der Bühne und da besonders deren Decke. Als ob der Architekt bereits beim Entwurf der Bühne an Mikrofone gedacht hätte: Es gibt einen Punkt, an dem sich der gesamte Orchesterklang bündelt - und dort hing dann auch bei den Aufnahmen das Neumann Mikrofon von Mercury. Das Verhältnis von direkten Schall / indirektem Raumklang ist ideal: Jede Kleinigkeit ist kristallklar zu hören und dennoch schafft das Verklingen eine verbindende helle farbige "Blume".  

Auch die ganz anders gearteten Living Stereo Aufnahmen der RCA profitierten sehr von dieser wunderbaren Akustik. Jean Martinon veranlasste im Sommer 1966 leider einen kontrovers diskutierten Umbau, nach welchem der Saal sehr trocken und stumpf klang. Anfang der 80ziger gab es einen partiellen Rückbau, welcher durchaus Verbesserungen brachte, aber die phänomenale Akustik des alten Saals der Jahre von 1904 bis 1966 ist dahin  ...

 

Besonderheiten der "Living Presence" Aufnahmen

 

Die "Living Presence" Aufnahmen von Mercury klingen erstaunlich Obertonreich. Dazu trägt stark die Position des 7,6 Meter (also ziemlich hoch!) über dem Dirigenten aufgehängten Mikrofons und die Schall-Bündelung durch die Parabolwirkung der Bühnenwände und Decke bei. Zudem spielen die hohen Streicher mit den F-Löchern stark in Richtung Mikrophon. Dadurch entsteht trotz großer Entfernung des Mikrofons von der Schallquelle ein präziser, klar definierter und differenzierter Klang mit der Abgebildung aller Feinheiten des Orchesters. 

 

Dieses bis dato unerhört helle und dynamikreiche Kangbild ist aber auch sehr anfällig für Verfärbungen bei der Wiedergabe. Es ist verständlich, dass eine eher obertonarme, dumpfe Tonaufzeichnung eine vom originalen Frequenzgang abweichende Wiedergabe eher verträgt (da sich das ja bei "unterbelichteten" Obertönen nicht so deutlich bemerkbar macht) als eine Aufnahme, die - um es in Farbbezeichungen für Gold auszudrücken - einen klaren Unterschied zwischen Gelbgold, grünlichem Gold oder Rotgold macht.

 

Probleme beim Remastern der "Living Presence" Aufnahmen

 

Gutes Remastering ist bei den Monoaufnahmen von Mercury schwierig durchzuführen, da viele Faktoren sich gegenseitig stark beeinflussen und auch beeinträchtigen. Hier möchte ich nur drei davon erwähnen:

 

1. Verringerung der im Piano deutlich hörbaren Rauschanteile der über 60 Jahre alten Master-Magnettonbänder. Eine starke Verminderung des Rauschens birgt die Gefahr, dass die perfekte Blume (Nachhallzeit) getrübt wird und das Klangbild unnatürlich (z.B. in den Streichern "drahtig") klingt.  

2. Beibehaltung der originalen Klangfarbe, die besonders bei den Streichern und Blechbläsern sehr sensibel ist und kaum Abweichungen verträgt. Kleine Abweichungen nehmen besonders bei den Streichern den runden, warmen und edlen Klang. 

3. Beachtung der Tatsache, das eine Digitalisierung original analoger Tonaufzeichungnen per se ein ein härteres Klangbild erzeugt. Bei Mono und zudem dem sehr hellen und im Forte durchaus stark zupackenden Klangbild kann das schnell ins Grelle bzw. "weiße" Farbe und ins unangenehm oder anstrengend zu hörende Scharfe, Harte und Agressive umschlagen. In der Tat klingen manche der offiziellen CD-Transfers von Universal im Forte angestrengt und grell, in den Höhen überbetont und dennoch eingeengt und zu blass in den Bässen..

 

 

 

2. Mercury "Living Presence":  Die Schallplatten-Produktionen

 

Hier nun in chronologischer Reihenfolge die neun Schallplatten Ausgaben mit dem Chefdirigenten Rafael Kubelik - und danach die zwei LPs mit dem Dirigenten Antal Dorati:

 

Rafael Kubelik / CSO

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MG 50000   Mussorgsky: Bilder e. Ausstellung  (Kubelik / CSO)

 

Die erste der elf Schallplatten, welche Mercury mit dem CSO 1951 in der Orchestra Hall produzierte, war umgehend ein großer Erfolg.

MG 50001   Bartok + Bloch  (Kubelik / CSO)

MG 50002   Dvorak  "Aus der neuen Welt"  (Kubelik / CSO)

MG 50003   Tschaikowsky  Sinfonie Nr 4  (Kubelik / CSO)

MG 50006   Tschaikowsky  Siinfonie Nr 6  (Kubelik / CSO)

MG 50007   Brahms  Sinfonie Nr 1  (Kubelik / CSO)

MG 50013-14   Smetana  Mein Vaterland  (Kubelik / CSO)

MG 50015   Mozart  Sinfonien Nr 34 + Nr 38  (Kubelik / CSO)

MG 50024   Hindemith + Schönberg  (Kubelik / CSO)

Antal Dorati / CSO

MG 50037   Schubert + Tschaikowsky  (Dorati / CSO)

MG 50038   Bartok + Kodaly  (Dorati / CSO)