F Ü R   M U S I K L I E B H A B E R

 

Beethoven Klaviersonaten und Klavierstücke mit Artur Schnabel (LP-to-CD)

Cover Art der drei CD-Boxen (10 CDs) der Beethoven Klavier-Solo Aufnahmen mit Schnabel im neuen LP-to-CD Transfer

 

 

Beethovens Klaviersonaten und Klavierstücke mit Artur Schnabel 

 

Die Klaviersonaten und Klavierstücke von Beethoven hat der Komponist und Pianist Arthur Schnabel in einer herausragenden und zu recht hochgerühmten Interpretationen in den Jahren zwischen 1932 und 1938 auf Schellackplatten eingespielt. Diese Aufnahmen sind Meilensteine der Schallplattengeschichte, die aber auch 34 Jahren nach dem Erscheinen der CD qualitativ immer noch nicht wirklich auf beste Weise und in ihrer Sinnlichkeit erfahrbar auf diesem Medium veröffentlicht sind.

 

Schnabel hatte sich lange Zeit von (sogar elektrischen) Aufnahmen auf Schallplatten ferngehalten. Es gibt Welte Mignon Lochstreifenaufnahmen von vor dem ersten Weltkrieg, welche sehr gut seine Musikalität und alle agogischen usw. Feinheiten zeigen, aber wegen der Natur der maschinellen Tonerzeugung durch Luftunterdruck nicht seinen ganz eigenen Klang am Klavier wiedergeben können. Die seinen realen Klang aufzeichnenden Einspielungen mit Mikrophonen begannen eben mit Beethoven im Jahr 1932 – also in der Zeit, als sich das elektrische Aufzeichnungsverfahren (seit 1925) bereits bewährt hatte.

 

Schnabel war bei Beginn des Projekts 1932 immerhin bereits 50 Jahre alt und als Interpret weltweit ein gesuchter Interpret, welcher besonders beim Werk Beethovens als absolute Autorität galt. Somit waren konsequenterweise auch Beethovens 32 Sonaten und die 5 Konzerte (mit Malcolm Sargent / LSO) sein erstes Aufnahmeprojekt. Die Sonaten und Klavierstücke (die anschließend eingespielt wurden) wurden allesamt in London, Abbey Road im Studio 3 aufgezeichnet. Produzent war der legendäre Fred Gaisberg, der Tontechniker Edward Fowler. Die Sonaten waren bis 1935, die Klavierstücke bis Ende 1938 „im Kasten“. Schnabel war jüdischer Herkunft und emigrierte umgehend nach Machtergreifung der Nationalsozialisten von Österreich nach England (im Sommer war er am Comer See, wo er in seiner eigenen Schule Meisterschüler unterrichtete) und ging dann von 1939 bis 1945 in die USA. Nach dem Krieg kam Schnabel wieder nach Europa zurück.

 

Eine provokante persönliche Anmerkung:  Meines Erachtens liegt die Bedeutung wie die manch anderer nur als Interpreten wahrgenommenen Musiker (wie ebenso z.B. Furtwängler) in erster Linie in seiner Tätigkeit als Komponist, als der er in den USA tatsächlich nachhaltig Einfluss auf einen Teil der damals heranwachsenden Komponistengeneration nahm. Es mag überraschen, dass Schnabel, der sich als Pianist in den Aufnahmen ausschließlich auf das klassisch romantische Repertoire beschränkte, als Komponist stark durch Schönberg beeinflusst einen ganz eigenen und durchaus modernen Ausdruck fand.

 

Und etwas Physik:  Über „Pianistik“, Stil, Anschlagskultur, Technik, Klang usw wurde und wird viel  (Un)Sinniges geschrieben. Deshalb hier ein ganz andere - quasi „esoterische“, da kaum bekannte - Anmerkung: Das Klavier ist für ein klangliches Optimum (einen wahrnehmbar dominanten ersten Oberton, also Grundton) konstruiert, das auf physikalischen Erkenntnissen beruht. Dieses Optimum ist allerdings seit etwa 100 Jahren durch die immer größere dynamische Dimensionierung kaum mehr erreichbar. Außer Horowitz (Steinway) und Schnabel (voll bei den Bechstein, nur teilweise bei den Steinway Aufnahmen) hat dieses Ideal wohl kaum ein anderer Pianist derart erreicht - jedenfalls nicht in Zeiten von Tonaufnahmen. Ich spreche hier von den klanglichen Möglichkeiten mit den Phänomenen, die diese ermöglichen - und nicht von Musikalität, Individualität und davon, wie jeder Pianist seinen Weg findet. Und es gab Pianisten wie Rubinstein und Serkin, die diese Grenze in ihren klanglich guten Zeiten immer wieder berührten.

 

Die 5 LP-Boxen (16 LPs) als LP-to-CD Transfer-Quelle und ein Großteil an zur Arbeit herangezogener Transfer-Vergleiche

 

Gedanken zum CD-Transfer und Synopsis der Beethoven Solo Klavier Aufnahmen mit Schnabel

 

Von den Klaviersonaten mit Schnabel gibt es drei offizielle CD-Veröffentlichungen des Labels HMV, dann EMI und jetzt Warner und an die 10 inoffizielle VÖs. Bei den Klavierwerken sind es deutlich weniger (und außer EMI-Toshiba in Japan keine offiziellen) Transfers auf CD erschienen, was die unbefriedigende Situation nicht besser macht. Dazu später mehr. Hier nun etwas detaillierter zu meinen eigenen Transfers.

 

Hauptziel meiner eigenen LP-to-CD Transfers (Quelle: EMI UK 1980 LPs, Master-Transfers von Kenneth Hardwick) war, den Farbenreichtum des Klavierklangs und die Unmittelbarkeit und Lebendigkeit wiederzugeben - ohne das Enge, „Eingesperrte“ und / oder Künstliche im Klang, mit dem ansonsten leider mehr oder weniger alle (!) veröffentlichten CD Transfers der Beethoven Sonaten und Klavierstücke mit Schnabel behaftet sind.

Folgende Erkenntnis setzte die Leitlinie: Die Wiedergabe historischer Aufnahmen klingt Gehörphysiologisch am befriedigendsten (weil am natürlichsten und störungsfreiesten) auf Equipments der damaligen Zeit. Denn das Ziel von Aufnahmen war ja schon immer die Unmittelbarkeit des musikalischen Klangerlebens. In diesem Sinne zeigt mein Transfer wieder die Attacke von Schnabels Anschlags, entfesselte Dynamik, Obertonreichtum, das Klare der Töne ohne die „korrekten“, aber verunklarenden und die musikalische Information oft überlagernden Oberflächengeräusche (und auf dem Medium CD fürs Ohr schlecht trennbar!) wie Knistern oder Rauschen bei analytisch „auslotenden“ Überspielungen.

 

Übertragungen von Schellack Aufnahmen aus den 1930ern (ob nun von Matrize, Schellack oder LP-Transfer) auf CD stellen den Techniker immer vor Kompromiss-Entscheidungen. Bezüglich der zuvor genannten Intentionen stellt der LP-Transfer von Kenneth Hardwick (1980) ein Idealfall dar:

Bestmögliche Quellen, keine auffälligen klanglichen Verfremdungen und alle Feinheiten der Quelle sind klar zu hören, besonders der meist bei Transfers unterbelichtete Diskant leuchtet klar, vital und natürlich so wie auch die Obertöne den anderen Tonbereiche. Der Tieffrequenzbereich ist bei den Hardwick-Transfers teilweise schwach ausgeprägt, konnte aber beim CD-Transfer musikalisch sinnvoll angeglichen werden. Ebenso konnte der klirrend oder blechern erscheinende Diskant (Frequenzbereich von 600 bis 900 Hz) deutlich verbessert werden.

Das klanglich herausragende Merkmal der 78rpm-to-LP Transfers von Hardwick ist aber: Das Klangergebnis auf den LPs durch die 1981 verwendetem Filterverfahren ist mit den heute meist verwendeten digitalen Filter so nicht mehr erreichbar. Die Trennung von Oberflächengeräuschen zum Primärsignal der musikalischen Information ist bei Wahrung der gesamten musikalischen Information samt feinsten Obertönen so gut gelungen wie nicht annähernd in einem der zahlreichen späteren Versuche. Digitale Bearbeitungen neigen dazu, dass die Oberflächengeräusche der Schellacks untrennbar mit den hohen Frequenzen der Musik „verbacken“. Wenn diese nun gefiltert werden, entsteht zumeist ein schärferer enger Klang, der grade bei Schnabel den Zauber seines Musizierens und den wunderbaren Klang nimmt (extrem hörbar bei der ersten und misslungenen CD-Ausgabe der Beethovensonaten mit Schnabel von EMI).

 

Meine CD-Transfers der LPs (klanglich offene englische Pressung, deutlich besser als die belegte und rauschigere Ausgabe in einer LP-Box in Deutschland), die von Kenneth Hardwick erstellt wurden, ist die einzige CD-Veröffentlichung der Beethoven Sonaten und Klavierstücke mit Schnabel, welche dem Klangbild der wunderbaren fünf LP-Boxen von EMI UK nahe kommt - ja, diese bezüglich Natürlichkeit und Ausgewogenheit des Klangs (Klangpyramide) noch deutlich übertrifft. Kein anderer CD-Transfer erlaubt z.B. Schnabels Diskantgirlanden im pianissimo sich derart frei schwebend, leuchtend und von störendem Hintergrundrauschen unbeeinträchtigt entfalten zu können. Die Höhen sind derart klar definiert, dass nun sogar auffällt, welche Töne der Bechstein Flügel nicht perfekt abdämpft. Es gibt magische Momente, die wie soeben gespielt und ohne den gewohnten „historischen Vorhang“ erklingen. In niedrigerer Zimmerlaufstärke angespielt erscheinen die Aufnahmen sogar quasi störungsfrei und könnten stellenweise heute entstanden sein! Die Pausen zwischen den Werken betragen auf den Transfers übrigens  15 bis 25 Sekunden und jeder Track ist wenn möglich deutlich vor der Musik gesetzt - alles Gesichtspunkte, die bei den üblichen CD-VÖs oft vernachlässigt werden.

 

 

Aus der Werkstatt:  Die Arbeitsschritte der Entstehung des LP-to-CD Transfers

 

Erster Arbeitsabschnitt:  LP-Überpielung (Digitalisierung) und Erstellen einer "Arbeits-CD-Version"

Die Yamaha AW 2400 ist das Herzstück bei der Arbeit an den LP-Transfers. Hier wird auf eine 1000stel Sekunde geschnitten, werden Knackser manuell entfernt und die klanglich optimale Pyramide mittels Frequenzweichen erstellt.

Zuerst erfolgen die Reinigung und die Entmagnetisierung der Lp und Versuche zu den klanglich optimalen Einstellung des Tonarmgewichts. In korrekter Tonhöhe (was nicht immer gleichbedeutend mit der RPM-Zahl der Platte ist!) sind meist zwei bis drei Überspieldurchläufe sinnvoll, denn manche Störunggeräusche verschwinden durch mehrmaliges Abspielen der LP). Die digitale Übertragung erfolgt auf auf die Festplatte der Yamaha AW2400 (siehe Bild). Das Eingangssignal wird auf ca. 80% ausgesteuert und erfolgt bei jeder LP - egal ob monaural oder stereophon aufgezeichnet - erst einmal 1:1 auf Stereospuren.

 

Nach der Übertragung dieser Stereospur von der AW2400 auf den PC kommt dort ein DeClick-Porgramm zum Einsatz, das im Falle der Schnabel LPs so niedrig wie möglich auf 1% (von 100%) eingestellt ist und nur dazu dient, die minimalen Oberflächenticks der LP unter die Hörschwelle zu drücken. Somit entstehen bei der Digitaliesierung keinerlei(!) unerwünschte Effekte wie z.B. digitale Artefakte. Lediglich beim Kopfsatz der Mondscheinsonate (offensichtlich keine störungsfreie Quelle mehr vorhanden) entschiid ich mich zusätzlich zum DeClick für eine leichte NoNoise-Bearbeitung, da die sehr rauschige Oberfläche doch die musikalische Aussage und Klarheit der Töne stark beeinträchtigte. Die etwas weniger verrauschte  Quelle von „Für Elise“ habe ich ungefiltert belassen.

 

Diese am PC bearbeitete Stereospur wird wieder zurück auf die AW2400 transferiert und dort in ein reines Monosignal gewandelt. Eventuell noch vorhandene Störungen wenden dann durch manuelles Herausschneiden (1/1000stel oder 2/1000stel Sekunden) entfernt.

 

Nun wird eine Aufnahme-Spur erstellt, die dann am Gerät auf CD gebrannt werden kann. Beim Erstellen wird nun auf eine optimale Aussteuerung geachtet, auftretender 50Hz, 120Hz oder anderer Brumm minimiert und im Falle der Schnabel LPs eine erste tendenzielle Optimierung der Frequenzen ausgelotet, was bei vielen der Aufnahmen meist eine sinnvolle Anhebung des Bassbereichs bedeutet. Insgesamt nenne ich diesen Vorgang weiterhin das "Erstellen einer Klangpyramide", da gehörpysiologisch das Verhältnis von Bässen zu Höhen in diesem Bild darstellbar ist.

 

Das Erstellen der "Arbeits-CD" dient im zweiten Arbeitsabschnitt bei der Erstellung der feinjustierten fertigen CD als klanglicher Referenzpunkt, anhand dessen die definitiven Frequenzeinstellungen abgeschätzt werden. Geschätzt deshalb, weil erst das fertige Endprodukt Lp wirklich das klangliche Ergebnis zeigt. Das Abhören der Spuren der AW2400 ermöglicht leider nicht, exatkt das Ergebnis auf CD zu hören.

 

Einige der zum Vergleich herangezogenen vielen Transfers auf CD, die innerhalb der letzten 30 Jahre entstanden sind: Nacos (2002), Classica d´Oro (2001), Pristine Classical (2011), Warner (2016), EMI-Toshiba (2002) und EMI (2004)

 

Nach dem ersten Arbeitsabschnitt (LP-Digitalisierung, Erstellen einer Arbeits-CD) ist eine klangliche Standortbestimmung durch musikalisch intelligentes und kritisch-analytisches Vergleichen hilfreich

 

Ich habe alle mir verfügbaren CD-Ausgaben der Sonaten und Klavierstücke mit Schnabel beim Erstellen der Transfers als Vergleich und zur Anregung der Lösungen bei der Arbeit an den Transfers herangezogen. Die Hauptkriterien der Einordnung waren rein subjektive Höreindrücke wie ein einladendes Klangbild, Vitalität, Klarheit, Präsenz, Klangpyramide und Natürlichkeit. Ich beschränke mich hier dabei hauptsächlich auf die drei offiziellen durch EMI (1991), EMI-Toshiba (2002) und Warner (2016) erfolgten Veröffentlichungen:

 

Die erste EMI-VÖ von 1991 ist wegen klanglicher Unzulänglichkeit zu vernachlässigen. Ein erschreckendes Beispiel einer zum Glück mittlerweile kaum noch verwendeten scheußlichen Praxis, Höhen abzuschneiden und dann die direkt darunter liegenden Frequenzen anzuheben, was ein extrem scharfes, enges, farbloses und letztlich unpersönliches, ja verfälschendes Klangbild ergibt.

 

Die Warner VÖ von 2016 ist bezüglich unangenehmer Schärfe besser, weist aber eine Menge von (unnötigen) Unzulänglichkeiten auf. Die Ankündigung des "bestmöglichen Transfers" und "Endlich können Sie erleben ..." ist reine Werbestrategie. Es gibt hie und da leichte Digitalisierungseffekte und bei dem Großteil der Sonaten tritt ein starkes tieffrequenetes Geräusch hervor. Auf einen Ausgleich der Interferenzen wurde nicht geachtet (zu zeitaufwändig?) und der Mittelbereich des Frequnenzbandes wurde abgesenkt - also genau der Bereich, in dem sich hauptsächlich die Farbe und Körperhaftigkeit von Musikinstrumenten abspielt. Ein unsinniges Vorgehen.

 

Die EMI Veröffentlichung mittlerer und später Sonaten als Doppel-CD (Remastering von Andrew Walter) in der "Great Recordings" Reihe von 2004 ist da ein ganz anderes Kaliber und wohl die beste westlche VÖ von Schnabel Aufnahmen der Klaviersonaten. leider zeitlich eben nur ca. ein Viertel des Ganzen.

 

Das sind die "westlichen" Transfers des Originallabels HMV oder genauer: dessen Nachfolgern. Alle achten auf eine möglichst große Störungsfreiheit , die auf unterschiedlichste Weise erreicht wird. Nicht so folgende VÖs:

 

Die Japanischen EMI Toshiba scheut nicht die Oberflächengeräusche der Matritzen und Schellacks und erreicht dadurch einen ziemlich ausgewogenen Klavierklang ohne unangenehme Verfremdungen. Aber auch diese Ausgabe weist Schwächen auf. Manchmal wurde ein minimal tiefer Pitch gewählt und die Tendenz - wie bei Pearl und Naxos - die Gesamtinformation (also auch den Oberflächengeräuschen) gegenüber dem musikalisch Sinnhaften viel Raum zu geben, trübt doch das rein sinnliche Hörerlebnis und es bleibt der Eindruck eine tollen historischen Aufnahme - mit Schwerpunkt auf "historisch" ...

 

Neben den offiziellen Ausgaben durch das Mutterlabel gibt es einige nicht offizielle Ausgaben:

 

Die an für sich gute Naxos VÖ verfolgt eine ähnlichen Ansatz wie die EMI-Toshiba, bei weitem aber nicht mit deren Präzision und Sinnhaftigkeit. Anders ausgedrückt: Die Einzel-CDs sind alle unnötig stark, ja extrem verrauscht. das macht leider die guten Ansätze der Überspielung komplett zunichte. Eine Ausgabe, die sehr(!) leise oder bei starken Regengeräuschen goutierbar ist.

 

Die VÖs durch das Labels Classica D´oro ist unterirdisch und nicht der Rezension wert. Die Ausgaben durch die Labels The Piano Library, Regis, Musical Concepts, Documents kenne ich persönlich nicht wirklich, aber andere VÖs der Labels. Ich "reche daraus hoch", dass Piano Library und Musical Concepts interessant oder zumindest akzeptabel sein könnten, wobei im Netz bei im allgemeinen klanglich kostant guten Label Musical Concepts von extrem kurzen Pausen zwischen den Sätzen und Werken die Rede ist. Regis hat eine weite Streuung von mäßigen bis recht ordentlichen VÖs. Ist für mich schlecht abschätzbar.

 

Die Pristine Classical CD (Pristine Audio ist ein Team, das sehr stolz auf seine Bearbeitungen ist) der Diabelli Variationen hat einen unnatürlichen Klavierklang, die Dante-Ausgabe des kompletten Beethoven mit Schnabel ist im Netz als sehr gut rezensiert, aber ich habe sie wegen „Mondpreis“ (derzeit mehr als 450 Euro) nie hören können.

 

Und der neue Transfer?

 

Im Vergleich zu manchen Sonaten der Warner-VÖ hat mein Transfer bezüglich Frequenzgang hie und da auf den ersten Höreindruck weniger Tiefen, aber es sind klar definierte Bässe. Diese beiden Wahrnehmungen sind nicht gleichzusetzen, denn ein Rumpeln und verstärkte Bassfrequenzen schaffen zwar ein dunkleres, aber nicht per se ein volleres und klar verständliches Klangbild.

Auch klingt der Transfer nicht so "aufgeblasen" wie manch andere und kommt erst mal unscheinbarer daher als z.B. die Warner VÖ. Schnell stellt sich beim Hören aber heraus, was Substanz und was heiße Luft ist ;-)

Ein zwei Werke sind anscheinend mittlerweile in einem besseren Quellenzustand greifbar, als er Hardwick zur Verfügung stand. Die minimalen Schwächen werden aber leicht durch das auch in dissen Quellen sehr frische Klangbild ohne den üblichen Digitalklang bei solch alten Aufnahmen aufgewogen.

Zum besonderen der Transfers am Ende nochmals etwas mehr ...

 

 

Zweiter Arbeitsschritt:  Minimieren der Interferenzen und  Erstellen einer optimalen Klangpyramide

 

Das Vergleichens der bereits existierenden Transfers macht sensibel für Fragen, die das gewünschte Endergebnis betreffen: Was ist an Klangphänomenen der Quelle und was den verschiedenen Transfers zuzuschreiben? Was hat schon die originale 78rpm Aufnahme am ganz Besonderen des Klavierklangs von Schnabel verändert?

 

Interferenzen sind klangliche Überlagerungen, die bestimmte Tonanteile übermäßig hervorheben und dabei andere Überlagern und die gesamte Balance - in diesem Fall besonders des Diskants und der Obertöne - stören. Die Angleichung erfolgt in der Zurücknahme der Ermittlelten Frequenzen - meist eine oder auch zwei. Die Ermittlung erfolgt durch Absuche des Frequenzbanden mit einem schmalen weit übersteuerten Frequenzband (dB-Plusbereich) und bei anschlagender Resonanz wird dieser Punkt in einen angemessenen dB-Minusbereich zurückgenommen. Das klingt einfach, wirft aber beim Entscheiden meist mehrere Fragen auf:

Ist ein an einer Stelle ein sehr starker Diskant von Schnabel gewollt? Was ist Leuchten und was Überlagerung? Wo soll eine Oberstimme die Mittelstimme dominieren, wo eher zurücktreten? Wie ist ein helles obertonreiches Klangbild (bei Schnabel sehr wichtig, da im Diskant die Töne eine große Tragfähigkeit auf dem zweiten Oberton haben!) zu erreichen, ohne dass das Klangbild scharf oder grell wird?

 

Bei der Optimierung der Klangpyramide treten ähnliche Fragen auf, die sich in diesem Fall mehr auf den mittleren und tieferen Bereich des Instruments beziehen:

Wie Wärme und Fülle, ohne dass das der Klang dumpf oder breiig wird? Welche Art von Bassklang hat Schnabel an einer bestimmten Stelle erzielt und wie stark sollte dieser hörbar sein? Wie nah soll das Instrument erlebt werden und inwieweit ist das vom jeweiligen Stück abhängig?

 

Generell stellen sich noch fundamentalere Fragen:

 

Wie weit können Interferenzen ausgeglichen werden, ohne dass das Endergebnis dann langweilig, einförmig oder eng klingt? Wie ist die gute Balance herzustellen zwischen dem ungebändigt Vitalen mit allen Störungen, Verzerrungen und Unausgewogenheiten im Frequenzgang und einem homogenen und natürlichen und somit auch gebändigteren Klangbild? Denn besonders diese letzten zwei Fragen sind für das ERLEBEN der Aufnahmen eminent wichtig.

 

Der Versuch der Harmonisierung wird dann konkret in der Arbeit noch komplexer und komplizierter, weil eine kleine Anhebung oder Absenkung der dB-Zahl in der Tiefe im Mittelbereich und / oder der Höhe wieder einen kompolett anderen Höreindruck ergeben kann - und ebenso eine Veränderung im Mittelbereich oder der Höhe.

 

Wenn Sie nun noch bedenken, dass die AW2400 das Ganze klanglich anders wiedergibt als es dann letztlich die CD tut, dann ist erahnbar, dass es sich beim Erstellen einer ausgewogenen Klangpyramide manchmal um ein Stochern im Heuhaufen dreht . . .

 

Das physische Ergebnis: Zwei Sonaten Boxen (2x4CD) und eine Doppel-CD mit Klavierstücken, Variationen und Bagatellen: Schnabels Beethoven ist hier in größtem Farbenreichtum und in optimaler Störungsfreiheit ohne digitale Filterung zu hören.

 

Warum und wie klingen diese neuen Transfers anders als bisherige Beethoven-Schnabel-VÖs?

 

Nachdem im vorigen Abschnitt viele Fragen gestellt wurden und die Unlösbarkeit manchen Konflikts offensichtlich geworden ist, möchte ich hier doch noch Antworten geben oder besser: ich versuche zu beschreiben,  was meine neuen Transfers ausmacht, was sie von den anderern Überspielungen unterscheidet - und was Schnabel und Beethoven damit zu tun haben.

 

Der Zeitrahmen der Arbeit am Remastering

 

Vielleicht ist die auf dieser Seite hier beschriebene intensivste Auseindersetzung mit den vielfachen Aspekten schon ein Teil der Erklärung: Denn die Arbeit an einer der Schnabel-CDs benötigt ein bis zwei Wochen von der LP-Überspielung bis zur fertigen CD.

Der oben beschrieben erste Arbeitsabschnitt (das Überspielen der LP, DeClick und das Erstellen einer Arbeits-CD) ist in einem halben Tag erledigt, wenn es keine Komplikationen gibt. Das Vergleichen der bisherigen CDs untereinander und auch mit der Arbeits-CD ist ein längerer Prozess, der sich nicht zeitlich begrenzen lässt. Eine Entscheidung, die durch das Vergleichen und Reflektieren meine Arbeit am Transfer beeinflusst, kann in Stunden fallen - es kann aber auch Tage dauern oder nach Wochen noch eine entscheidende Änderung geben. Für das Ausgleichen der Interferenzen und das Erstellen der Klangpyramide kann wieder ein konkreterer Zeitraum genannt werden - nämlich etwa eine Woche Arbeitszeit oder auch mehr . . . ;-)

Es ist klar, dass bei kommerziellen VÖs, bei denen ein Remasterer bezahlt werden muss, solche Zeiträume und terminliche Unwägbarkeiten nicht möglich sind.

 

Eine kaum bedachte Frage:  Klingt letztlich die fertige CD auch wie der Re-master?

 

Die große Unbekannte, auf das die Remasterer im Allgemeinen keinen Einfluss haben und deren ganze Arbeit ruinieren kann, ist der Weg vom Master bis zur fertigen CD. Bei den XRCDs ist dieser Postmaster-Weg detailiert aufgeführt und dieser umfasst einige Stationen.

Ich bin durch das CD-r Verfahren (also das selbst Brennen der fertigen CD) in der glücklichen Lage, das Endergebnis für den Hörer genau bestimmen zu können. Das ist Segen und Fluch zu gleich und beansprucht die meiste Arbeitszeit, eine Unmenge an Verschwendung von Rohlingen und es erfordert unglaublich viel Geduld, Ausdauer und starke Nerven. Das liegt auch sehr an dem bereits erwähnten "Ratespiel", was den klanglichen Unterschied der Wiedergabe von der AW2400 und eines CD-Spielers betrifft.

 

Das Medium Schallplatte als Quelle

 

Das Medium LP (die Quelle für diese CDs) ist insgesamt nur an zwei drei Stellen für Momente marginal zu hören. Die Transferqualität ist derart gut, dass nun für Kenner sogar die Tonbandüberspielung Hardwicks zu erahnen ist (machmal Vorechos), was auf der LP so nicht wahrnehmbar war. Überspitzt gesagt ist mehr das Medium Tonband als die zum LP-to-CD Transfer verwendeten Schallplatten zu hören. Mehr ist qualitätiv nicht erreichbar.

 

Oberflächengeräusche und andere Phänomene der Matritzen bzw Schellack 78 RPM

 

Seltsamerweise gehören Oberflächengeräusche der Matritzen oder der Schelliacks (was ja bei alten Aufnahmen naheliegend wäre) fast far nicht zum zu berücksichtigenden Problemkreis. Es gibt an manchen Stellen leicht hörbar die schnellen Schleifgeräusche, aber eher selten. Ganz vereinzelt hört man das Ende der 78ziger und bei einem natlosen Wechsel anhand eines veröänderten Hintergrundgeräuschs, anderem Überspielpegel oder minimal abweichenden Tonhöhe den neuen 78ziger-Ansatz. Zwei dieser Stellen konnte ich nochmals verbessert angleichen. Bei der "Les Adieux" gibt es in der Exposition fünf Takte mit deutlich veränderter Tonhöhe, die ich aber glücklicherweise vollig unhörbar durch die gleiche Stelle der Wiederhilung der Expositon ersetzen konnte. Somit fällt dieser Fehler völlig weg. Wäre dieser Fehler in der Durchführung oder Reprise vorhanden, hätte ich ihn nicht reparieren können, weil es keine Entsprechung zum Ersetzen gegeben hätte. Was für ein Glück ...

 

Meine Vision zu den LP-to-CD Transfers

 

Diese Arbeit soll möglichst vollkommen und somit das Erlebnis des Hörens stark und unmitelbar sein. Auch die vergleichenden Ausführungen zu den anderen Transfers sollen somit über das Ohr klar verständlich belegt sein. Die Aufnahmen mit Schnabel sehe ich nicht als historische Dokumente (die sie natürlich zudem auch sind), sondern vielmehr als ein völlig zeitloses und von Mode unabhängiges Musizieren, das technisch bereits so vollkommen aufgenommen wurde, dass das physische Erleben dieses Musizierens vor dem Lautsprecher durch Begrenzungen der Tonaufzeichung nicht wesentlich getrübt oder gar behindert ist.

 

Somit lag mir nicht eine "Archivierung" am Herzen, sondern ich wollte Schnabels Spiel von Beethovens Sonaten und Klavierstücken sinnlich, emotional und geistig unmittelbar erlebbar machen. Der Pianist soll so klingen, wie wenn er im Raun das Werk spielt - hier und jetzt gerade! Das ist m.E. zum großen Teil gut gelungen.

Nachts bei völliger Stille im dunklen Raum auf eher geringe Lautstärke eingestellt tritt in ganz vielen der Aufnahmen der magische Moment ein, dass keinerlei Medium mehr wahrnehmbar ist und nur noch die Musik in alles Farben von klaren schwarzen Bässen über den warmen und äußerst tragenden Bariton und Tenorbereich bis zum Diskant mit großem silbernen Obertonreichtum zu hören ist.

Schnabel ist anwesend und breitet die Musik aus und hüllt den Raum und meine Seele und meinen Geist damit völlig ein - oder spielt doch Beethoven selbst? In meinem Empfinden ist da sehr viel eins ... Das habe ich beim nächtlichen Probehören mehrmals erlebt - und schon das allein ist die ganze Mühe wert. Wie gut waren doch in den 30igern schon die Mikrophone und welch tolle Arbeit hat Kenneth Hardwick bei seinen Schallplatten-Transfers geleistet, ohne die ich diese CDs nicht hätte erstellen können.

Aber all das ist nur Mittel zum Zweck, um Schnabels leidenschaftlich wildes, ungeduldiges, sinnliches, würtendes, todtrauriges, liebevolles, hoffnungsvolles, visionäres und vergeistigtes Spiel erfahrbar zu machen. Und auch Schnabels Spiel  ist wiederum auch nur Medium für den Kosmos der Klavierwerke Beethovens. Und dieser drückt darin aus, was in uns allen Menschen steckt und was wir entdecken, wagen, leben und lieben dürfen . . .

 

Herzlichen Dank für die genialen 78RPM-to-LP-Transfers, Kenneth!

 

Herzlichen Dank für die durchdrungenen und durchlebten Interpretationen, Artur!

 

Herzlichen Dank für die großartigen Werke, Ludwig!

 

 

                                                                                         Joachim Wagner  (Produzent und Remastering)