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Klanggestalten - zur Reproduzierbarkeit von Echtzeitgeschehen

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"Klangphilosophie"

Das Wort "Klangphilosophie" wird in CD-Textheften und der Werbung der CD-Branche inflationär oft verwendet. Meist ist mit dem hochtrabenden Wort aber einfach nur das jeweilige Klangbild gemeint, in dem die Einspielung erscheint. Natürlich haben Aufnahmefirmen ihre eigenen Klangkonzepte:

Noch vor 20 Jahren war es (zumindest im klassischen Bereich) nicht schwer, den "Sound" einer RCA- von dem einer DECCA- oder Deutsche-Grammophon-Aufnahme zu unterscheiden.

 

Dabei spielt die Aufstellung der Mikrofone (wie nah und isoliert wird das Primärsignal aufgezeichnet) und auch deren Anzahl (Mercury verwendete um 1950 ein einziges Mikro, Decca in den 70zigern bei "Phase 4" 20 Stück und mehr, Telarc in den 80zigern wiederum nur ein einziges Stereo-Mikro) eine entscheidende Rolle.

 

Zudem wird das Kangbild stark von der Art der verwendeten Filter und vom Mischungsverhältnis zwischen Primärsignal (Schallquelle) und Reflexion (Raumklang) geprägt. Ebenso wichtig ist der Umstand, ob die Akustik des Aufnahmeorts unbelassen verwendet oder ob im "trockenen" Studio (gedämpft, ohne Nachhall) aufgenommen wird - mit nachträglicher künstlicher Hallbeimischung.

 

Lange herrschte in der Branche die Vorstellung, man müsse am Klang der Aufnahme das Label erkennen können. Viele Produzenten setzen heute flexibel und ganz unideologisch mehr auf ein Klangbild, welches sich am Aufnahmeort, Werk, Instrumenten und anderen rein musikalischen Aspekten orientiert.

 

Eine "Klangphilosophie" könnte aber auch ebenso alles mit einbeziehen, was rund um die Aufnahme geschieht und diese beeinflusst (entspannte Atmosphäre ohne Zeitdruck, der kommunikative Dienst aller Beteiligten vor und hinter dem Mikrophon am gespielten Werk) - samt geistigem Hintergrund der Musik selbst. So wäre das Wort "Philosophie" auch wirklich gerechtfertigt.

 

 

CDs - Lebendige Musik oder tote Konserve?

Enrico Caruso am Grammophon

Der berühmt(berüchtigte) Dirigent Sergiu Celibidache lehnte jegliche Tonaufnahmen ab, da er der Tonträger-Wiedergabe die Vermittlung eines realen und lebendigen Musikerlebnisses absprach. Physikalisch fehlten ihm auf Tonträger wichtige Obertöne und das Hören des realen Raumklangs, der in direktem Zusammenhang mit der Wahl der Tempi der Aufführung steht.

 

Ich für meinen Teil verdanke dem Medium Schallplatte unvergessliche musikalische Begegnungen und Erlebnisse, die mir sonst versagt geblieben wären:  vom verstorbenen Toscanini bis zu den großen Aufnahmen des CSO, von Heifetz und Oistrach bis hin zu in Deutschland ungespielten Komponisten wie (um nur ein paar schwedische zu nennen!) Kraus, Berwald, Stenhammar, Atterberg, Alfvén, Rosenberg.

 

Zum wirklichen Erleben von Musik über einen Tonträger muss der Hörer allerdings Empathie entwickeln und "aktiv hören", was mit einer eher passiven konsumorientierten "Berieselungshaltung" unvereinbar ist.

 

(Zu diesem Thema mehr auf meiner Unterseite "Musikberatung")

 

 

 

 

Gedanken zum Klangbild und zur Perfektion von Aufnahmen

 

ZUM KLANGBILD DER AUFNAHMEN

 

Als Produzent von JAW-Records bin ich bestrebt, das klangliche Erlebnis eines Konzertes oder einer Produktion möglichst in allen Schattierungen und in einem natürlichen Klangbild auf CD zu bannen. Zum Beispiel die Klavieraufnahmen mit dem Pianisten Michael Nuber:

 

Raumakustik, Aufnahmesituation (zumeist Live-Konzerte) und Eigenheiten des Instruments bilden dabei eine Einheit und stehen in Wechselwirkung mit der Interpretation des Musikers - z. B. den von ihm gewählten Geschwindigkeiten.

 

Nicht ein modischer „Schönklang“ ist angestrebtes Ziel der Tondokumente, sondern die möglichst getreue Abbildung der musikalischen Botschaft in stimmiger Übertragung - oder besser gesagt: „Übersetzung“ auf das „Kunst-Produkt CD“.

 

Diese Klavier-Aufnahmen erscheinen oftmals in ungewohnt direktem Klangbild. Fernab der Ästhetik vieler heutiger Aufnahmen wird ausschließlich der Raumklang der Aufnahmelokalität verwendet und kein „brillanter“ Klang erzwungen. Das bedient nicht die heutigen Hörgewohnheiten, da somit auch mal Begrenzungen eines Instruments zu Tage treten. Andererseits bleiben die charakteristischen Klangfarben und feinste Anschlagsnuancen des Pianisten erhalten.

 

JAW-Records bedient sich somit konsequenterweise keiner elektronischen Bearbeitungen - lediglich Interferenzen (also die übermäßige Verstärkung einzelner Töne durch die Raumakustik oder das Instrument selbst) werden minimiert.

 

Genießen Sie es, dem musikalischen Ereignis in natürlichem Klang räumlich so nah sein zu können, wie es Ihnen im Konzertsaal wohl nur selten vergönnt ist...!

 

 

ZUR PERFEKTION VON CD-PRODUKTIONEN

 

Der im digitalen Zeitalter nochmals gestiegene Anspruch an die Makellosigkeit einer Musikaufnahme verlangt von Interpreten und Produzenten viel Mut ab, auch zu möglichen Unvollkommenheiten einer Plattenproduktion zu stehen - welche z.B. durch folgende Punkte verursacht sein können:

 

Ein Instrument, das dem Pianisten nicht die Umsetzung seiner manuellen Möglichkeiten und klarer klanglicher Visionen zum Stück ermöglicht bzw. ihn bremst - und den Aufnahmeleiter vor die große Herausforderung stellt, trotzdem einen stimmigen ansprechenden Klang einzufangen.

 

Ein Aufnahmeraum, dessen Akustik keine „Blume“ hat (luftiger runder Nachklang) und auf der CD dann evtl. einen stumpfen, dicken oder aggressiven Klang erzeugt.

 

Und immer wieder auch kleinere Ungenauigkeiten oder Missgriffe im hingebungsvollen Spiel des Pianisten. Zum letzten Punkt ein paar Gedanken:

 

PER ASPERA AD ASTRAM (durch das Raue zu den Sternen) geschieht jederzeit(!) beim Musizieren. Es mag Menschen und somit auch Pianisten geben, deren Wesen keine Unkontrolliertheit, keinen „Fehlgriff“ kennt oder duldet. Das kann glückliche Erfüllung sein - aber es kann auch die Musik verhindern, wenn diese Art Perfektion nicht zum Wesen des Musikers gehört.

Denn zur Vermeidung von Fehlern wagt mancher Musiker folglich nicht das Äußerste und somit auch nicht sein Innerstes. Aber ist somit eine entäußerte und selbstvergessene Aussage möglich? Fühlte sich der Hörer bei einem entfesselten Spiel mit dem Mut zur "Unvollkommenheit" (die dem Menschen ja sowieso zueigen ist!) nicht mehr berührt?

 

Für mich als Musikliebhaber stehen Idee und Aussage des Werks im Vordergrund – in Verbindung mit der persönlichen Wahrhaftigkeit des Spiels des Interpreten. Alles andere kommt erst danach.

 

 

                                                     Joachim Wagner    (Produzent Tontechnik Text Fotos CD-Gestaltung)



 

 


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