"EN DETAIL" - Gedanken zu einem "kreativen Sehen" . . .

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Der Privatmensch Otto Wagner war sehr bescheiden und kein Mann der großen Geste. Manche seiner Bilder erscheinen diesbezüglich als Spiegel seiner Person. Der Betrachter ist gefordert, genau und auch mit dem inneren Auge hinsehen, um das Besondere erkennen und schätzen zu lernen. Drei während der Digitalisierungs- und Restaurierungsarbeit gewonnene persönliche Einsichten möchte ich Ihnen hier näher bringen:

 

1.Das Eigenleben des Details

 

2. Das Bild (Bilder) im Bild

 

3. "Ausschnitts-Transformationen"

 

 

Mehr dazu in den folgenden Bild-Beispielen:

 

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1. Bachlauf auf Waldlichtung

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In diesem Waldbild sind die Punkte "Details" und "Bild im Bild" gut auszumachen:

1. Maltechnik

Die Wasserdarstellung verliert auch bei starker fotografischer Vergrößerung ihren Naturalismus nicht:  Die dynamische Bewegung der Wellen, Lichtreflexe, das Kräuseln der Oberfläche und das Durchscheinen des darunterliegenden Bodens (mit Details wie Steinen).

 

2. Bildgestaltung

In diesem Ölgemälde kann der Betrachter für sich selbst noch ein oder mehrere weitere in sich abgeschlossene Bilder entdecken - je nach seinem eigenen Formgefühl und Phantasie. Der "Vorschlag" hier unten ist eine Möglichkeit.

 

In einigen Bildern Otto Wagners ist der Betracher dazu eingeladen, mit Augen und Empfinden quasi "spazieren zu gehen". Er kann dort kleine oder größere Plätze zum Verweilen finden - Orte, wo es in dem ruhigen Bild noch etwas stiller, friedlicher, schattiger oder sonniger ist.

 

Ermöglicht wird das durch einen partiellen Detailreichtum, der sich oftmals nur dort zeigt, wo er nötig ist - ebenso durch die magische Darstellung eines seelenvoll empfundenen Lichts und eine Maltechnik, die nur der inneren "Bildgestalt" verpflichtet ist. Dem empathischen Betrachter wird nichts aufgedrängt. Dieser ist aber eingeladen, sich innerlich selbst "sein" Bild zu gestalten - und es sich auf diese Weise zu "zähmen" (der Satz des Fuchses bei Saint-Exupérie).

 

 

eine Möglichkeit für ein "Bild im Bild"

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Kunst des Details: die Darstellung des Wasser

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Das Ganze und die Transformation im Zoom

 

Motivwahl und Bildausschnitt sind beim Malen in sich verschränkte Prozesse. Bei sehr zentrierten Motiven verändert eine moderates "Einzoomen" den Bildaufbau nicht wesentlich. Manche Bilder lassen ein leichtes "Heranholen" zu - manche fordern es geradezu heraus.

 

Natürlich ist eine Ausschnittsdarstellung von Bildern eine unortodoxe Vorgehensweise, aber nichts anders macht auch der Betrachter eines Gemäldes:  Er wechselt von der Gesamtansicht zu einem näheren Blick und zurück (wie der Maler bei der Arbeit). Beide Blickwinkel zeigen Unterschiedliches.

 

Eine nähere Darstellung ändert den Gesamteindruck zwar kaum, aber die Maltechnik erscheint dabei als immer abstraktere Essenz der Aussage. Das zunehmend Irreale intensiviert die Stimmung und somit die "innere Sicht" des Wegs.

 

Auch beim alltäglichen Sehen selektieren wir weit Entferntes durch Wahrnehmungsfilter - schauen quasi wie durch ein Teleobjektiv. Diese Fähigkeit setzten wir ebenso ganz unbewusst beim Betrachten von Bildern ein.

 

Nebenbei ist zum Thema Ausschnitt noch zu bemerken, dass alle Bilder ungerahmt fotografiert wurden. Bei kleinformatigen Bildern kann das Rahmen deutlich den Bildausschnitt verkleinern.

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2. Bauernhof im Chiemgau

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Wohin die Blicke wandern...

Die scheinbare "Hauptsache" eines Bildes (das "Motiv") muss nicht unbedingt auch das größte Interesse des Betrachters erwecken. Das Anziehende und Berührende kann ebenso ein unscheinbares Detail sein.

Das ist für mich persönlich beim Bild links die Darstellung der Blätter des Baumes rechts oben. Diese sind auch in großer Vergößerung mit Leben erfüllt - was offensichtlich nichts mit einer naturalistischen Blattform zu tun hat. Gemalt sind sie in zwei drei Ebenen, wie mit einem Schatten am Himmel: Licht, Schatten, Wärme, Kühle - in leichter Windbewegung ...

 

 

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3. Uferstimmung

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Dieses Bild war lange gerollt und ich habe es ohne editorische Vorbereitungsmaßnahmen ungerahmt fotografiert. Daher stammen die unschönen Falten der Abbildung. Aus der Not eine Tugend machen:

Insgesamt ist das Ölgemälde vielleicht nicht eine der stärksten Arbeiten des Malers, jedoch entfaltet die Ausschnittsansicht in Farbe, Licht und Stimmung einen ganz eigenen Zauber, zu dem auch die grobe Spachteltechnik beiträgt, welche die Stofflichkeit des Bildes betont.

 

 

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